"Haltet den Kontakt zu den Menschen, mit denen ihr arbeitet!"

Soziale Arbeit in den Zeiten der Corona-Pandemie

Seit dem Beginn der Ausbreitung des Coronavirus SARSCoV-2 (COVID-19) in Deutschland überschlagen sich die Ereignisse.

Die Schließung aller öffentlichen Einrichtungen bringt euch in eine nie dagewesene Situation. Der Begriff „Corona-Ferien“ war schnell in der Welt und ist nach allem, was wir von Euch hören, fernab der Realität. Neben der neuen Herausforderung, in Zeiten einer weitgehenden Kontaktsperre mehr oder weniger auf die eigenen vier Wände beschränkt zu sein – mit all seinen erfreulichen, wie herausfordernden Aspekten - seid ihr aber ebenso gefordert, eurer Arbeit nachzugehen. In vielen Bereichen herrscht nun Unsicherheit, wie es in und irgendwann einmal nach der Krise weitergehen soll. Meldet mein Träger nun Kurzarbeit an? Werde ich nach der Probezeit übernommen? Wie kann ich im Homeoffice arbeiten, wenn mein Träger mir keine Arbeitsmittel bereitstellt? Wird es meinen Job nach der Corona-Krise überhaupt noch so geben? Wir haben auch nicht auf alle Fragen sofort eine Antwort, da uns die jüngsten Entwicklungen ebenso überrascht haben und wir auch gemeinsam mit euch nach Lösungen für die anstehenden Herausforderungen suchen müssen. Aber: Was auch kommt: Wir sind für euch da und kämpfen – auch von Zuhause aus – für euch, eure Rechte und die Sicherung der Sozialen Arbeit, von der nun wahrscheinlich der letzte in der Bundesrepublik weiß: Soziale Arbeit ist immer systemrelevant!

Ihr seid die Profis für Erziehung, Bildung, Beratung, Begleitung und Unterstützung von Menschen! Ihr organisiert konkrete Unterstützung und Hilfen im Einzelfall, seid Ansprechpartner*innen für Gruppen, DAS offene Ohr in der Gesellschaft!

Entwickelt eure Arbeit so weiter, dass es euch möglich ist, den Kontakt zu den Menschen und den Familien, mit denen ihr arbeitet zu halten. Zurzeit weiß noch niemand von uns, wie lange dieser Zustand der Kontaktsperre anhalten wird. Es steht zu befürchten, dass wir einige Wochen damit zu tun haben werden.

Es ist absehbar, dass die Corona-Pandemie zu gesundheitlichen, finanziellen aber auch zwischenmenschlichen Krisen in Familien und Wohngemeinschaften führen wird.

Das merken wir in unseren eigenen Familien schon deutlich. Sehr viele Menschen sind auf sich alleine gestellt, teils in akuten Notlagen und Krisen. In dieser Zeit brauchen sie eure Unterstützung, auch wenn bzw. auch gerade weil ihr nicht zu ihnen dürft und sollt. In dieser Krise wird eure professionelle Unterstützung benötigt. Diese kann niemand besser leisten als ihr, die ihr die Kinder, Familien, Menschen, die unter den Bedingungen von Behinderung leben, und die vielen anderen Adressat*innen kennt.

Ein stabiles Netzwerk aufbauen

Entwickelt ein gutes Netzwerk und eine Unterstützungsstruktur in eurem Trägersystem / eurer Region / eurer Kommune und haltet den Kontakt zu euren zuständigen Fachberater*innen und zu eurer Gewerkschaft ver.di! Wir können uns gegenseitig unterstützen und entlasten. Niemand kann alles wissen!

Gute pädagogische Arbeit in der Krise

Uns erreichten Nachrichten, dass Kolleg*innen mit anderen Aufgaben, wie der Pflege von Grünanlagen betraut werden oder in Kurzarbeit geschickt werden sollen. Das ist sicher nicht der beste Einsatz von euch gut ausgebildeten Fachkräften, aber auch von den zahlreichen pädagogisch arbeitenden Laienkräften, welche z.B. als Schulbegleiter*innen Inklusion realisieren. Ihr werdet für die sozialpä- dagogische Unterstützung eurer Adressat*innen dringend gebraucht.

Um die Arbeitsfähigkeit der sozialen Einrichtungen in der Krise zu erhalten, hat der Bundestag am 25.03. ein Gesetz für den erleichterten Zugang zu sozialer Sicherung, zum Einsatz und zur Absicherung sozialer Dienstleister (SodEG) im Schnelldurchlauf erlassen (nachzulesen unter: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/181/1918107.pdf).
Wir sind noch in der Auswertung und politischen Bewertung dieses Gesetzes. Weitere Informationen folgen in Kürze.

Wichtig ist jedoch, dass eure professionelle Arbeit unter den Bedingungen der Pandemie weitergehen kann und muss.

Veränderte Arbeitsweisen im Team entwickeln

Überlegt in den Teams mit euren Vorgesetzen, wie eure Arbeit mit euren Adressat*innen in der Krise bewältigt werden kann.

Auch wenn es keine Möglichkeit gibt, sich regelmäßig zu sehen, wie z.B. bei der Begleitung in der Schule, der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH), im Kinderhaus, Jugendclub oder in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung, kann und muss die sozialpädagogische Arbeit weitergehen. Eure Adressat*innen brauchen euch so dringend wie nie zuvor.

Es bieten sich z.B. telefonische Sprechstunden an, in denen die Menschen euch erreichen können. Auch kann es sinnvoll sein, Adressat*innen von sich aus telefonisch zu kontaktieren und sich nach dem Befinden zu erkundigen. Überlegt gemeinsam, welche Fragen und Problemlagen auftauchen werden. Da sind zunächst einmal die Fragen nach der Gesundheitsversorgung in eurer Kommune oder Region. Haltet euch auf dem Laufenden darüber, wie die Gesundheitsämter handeln, und habt die wichtigen Nummern und Adressen immer parat.

Aber es wird auch Fragen nach dem Alltag mit der gesamten Familie bzw. alleinstehender Personen geben. Menschen in Krisen müssen z.B. gut und verlässlich begleitet werden, d. h. es gibt Fragen zur Schaffung eines stabilen Alltags zu Hause, zum Beantworten der Fragen der Kinder, zu sinnvollen Spielangeboten bis zum Schlichten von Streitereien.

Alternative Formen der Hilfeerbringung erarbeiten

Es bedarf bei der Entscheidung für oder gegen persönliche Kontakte einer verantwortungsvollen, professionellen Abwägung. Diese muss sowohl dem Ziel gerecht werden, unnötige Kontakte und damit euer Ansteckungsrisiko zu minimieren, als auch den Risiken Rechnung tragen, die gerade in Krisenzeiten in Menschen mit Unterstützungsbedarf in erhöhtem Maß bestehen. Insbesondere in Familien, in denen die Fachkräfte eine Kindeswohlgefährdung wahrnehmen oder befürchten, kann die Aufrechterhaltung von persönlichen Kontakten ein wichtiger Beitrag zum Schutz des Kindes sein.

Sollten aufgrund der Wohnsituation der Adressat*innen und Familie Bedenken gegenüber Hausbesuchen bestehen, z.B., weil notwendige Abstände nicht eingehalten werden können, sind etwa in der SPFH Spaziergänge mit dem/der Jugendlichen möglich. Dies entlastet die Eltern und ermöglicht euch das Gespräch (seid bitte gut informiert über die jeweiligen Kontaktsperren – Regelungen). Nicht immer lassen sich die persönlichen Kontakte vermeiden. Hier sind folgende Regeln zu beachten:

Sich selber schützen

Basishygiene

Um den Übertragungsweg zu durchbrechen, ist regelmä- ßiges gründliches Händewaschen (mindestens 20 Sekunden) nötig. Wichtig dabei ist, die Handflächen, den Handrücken, die Fingerzwischenräume, den Daumen und die Fingernägel zu reinigen. Es senkt die Keime an den Händen auf bis zu ein Tausendstel. In vielen Studien wurde nachgewiesen, dass sich beispielsweise das Risiko von Durchfallerkrankungen durch gründliches Händewaschen fast halbiert. Weitere Informationen zum gründlichen Händewaschen gibt es hier: https://www.infektionsschutz.de/haendewaschen/. Habt bei Hausbesuchen immer ein Handdesinfektionsmittel dabei, welches ihr sofort nach dem Besuch nutzt. Laut Robert Koch-Institut (RKI) sind hierbei Desinfektionsmittel mit „begrenzt viruzider“, „begrenzt viruzid PLUS“ und „viruzider“ Wirksamkeit zu verwenden. Eine Liste getesteter Mittel gibt es hier: https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Krankenhaushygiene/Desinfektionsmittel/Desinfektionsmittellist/Desinfektionsmittelliste_node.html.

Zudem gilt, sich an die Nies- und Hustregeln zu halten, auf Händeschütteln zu verzichten, sich nicht ins Gesicht zu fassen, Abstand zu halten und bei Atemwegssymptomen zu Hause zu bleiben (Empfehlung des RKI: https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/NCOV2019/FAQ_Liste.html).

Persönliche Hygiene

Anders als Pflegekräfte und Ärzt*innen habt ihr keine Arbeits- und Schutzkleidung. Da wir jedoch nicht genau wissen, ob sich das Virus auch an der Kleidung, in den Haaren oder an anderen Körperteilen als den Händen befinden kann, solltet ihr bei eurer Ankunft zu Hause nach der Arbeit:

  • die Kleidung ablegen und bei mind. 60 Grad waschen

  • Duschen und Haare waschen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, dies ist unser heutiger Kenntnisstand. Sobald wir Neues erfahren, werden wir euch informieren.

Schutzkleidung

Wir wissen von euch, dass an vielen Arbeitsplätzen die aktuelle Unterversorgung mit Schutzmaterialien große Sorgen bereitet. ver.di empfiehlt den Beschäftigten, wenn Materialien fehlen, Gefährdungsanzeigen (http://www.verdigefährdungsbeurteilung.de/meldung.php?k1=main&k2=neues#schutz_corona) zu stellen, um auf das Problem hinzuweisen und ggf. eigenen Haftungsgefahren vorzubeugen. Zudem ist es Aufgabe der Interessenvertretungen, hier Druck zu machen. Die Unterversorgung kann ethische Fragen aufwerfen, die aus der Ferne schwer zu beantworten sind. Sucht in eurem Team gemeinsam nach Lösungen und stimmt euch ab.

Kommt mit den Verantwortlichen ins Gespräch!

Es ist notwendig, dass ihr diese veränderte Arbeitsweise mit euren Vorgesetzten besprecht und euch den Rückhalt dafür holt. Diese Formen der (sozial-)pädagogischen Arbeit sind für nahezu alle Bereiche der Sozialen Arbeit neu oder zumindest ungewohnt und können zu Irritationen bei allen Beteiligten führen. Das gilt auch für die Verwaltungen. Viele Einrichtungen, insbesondere kleine Träger müssen sich von heute auf morgen komplett umstrukturieren. Es gilt auch, euch so auszustatten, dass euch die Arbeit möglich wird.

Braucht ihr ein Diensthandy, um mit Adressat*innen zu telefonieren oder über Video zu chatten? Es gibt sehr viele technische Möglichkeiten – diese müssen jetzt schnell und unbürokratisch ermöglicht werden.

Ihr seid unsicher, unter welchen Schutzmaßnahmen unabdingbare Personenkontakte stattfinden müssen? Beratet euch gegenseitig. Überlegt in den Teams, mit eurem Betriebsrat, der Mitarbeitervertretung oder dem Personalrat, mit Kolleg*innen anderer Bereiche, euren Fachberater*innen, den Zuständigen in den Behörden und euren ver.di Gewerkschaftssekretär*innen vor Ort, wie ihr kontinuierlich den Kontakt halten könnt. Die Informationslage rund um Corona und die Möglichkeiten der veränderten Arbeitsorganisation werden sich täglich erneuern, und wenn wir jetzt gut zusammenarbeiten und uns mit anderen vernetzen, meistern wir diese Situation.

Wir sind nicht ohnmächtig oder ein Spielball der Entscheider*innen in dieser Situation! Wir haben fachliche Standards in der Sozialen Arbeit, die auch in Krisensituationen gelten. Arbeits- und Mitbestimmungsrechte sind ebenfalls nicht ausgesetzt, sondern finden auch unter veränderten Bedingungen ihre Anwendung, also nutzt eure Rechte!

Eure ver.di ist an eurer Seite – mehr denn je!

Selten, wenn nicht sogar nie zuvor, stand die Soziale Arbeit derart im Fokus der öffentlichen Debatten. Was gerade alles um uns herum passiert, ist sicherlich viel, mancherorts zu viel.

Als ver.di unterstützen wir uns gegenseitig in dieser Situation. Wir stehen an eurer Seite, kämpfen dafür, dass die öffentlichen Zuwendungen für die Träger der Sozialen Arbeit weitergezahlt werden, damit ihr so weit wie möglich den Rücken für eure Arbeit frei habt.

Vor allem wollen wir aber bei allen Fragen für euch da sein. Dazu brauchen wir eure Berichte aus der veränderten Praxis. Nur so können wir eure Bedarfe den Arbeitgeber*innen, der Politik und in der Gesellschaft kommunizieren.

Weiterführende Fachinformationen:

Das Deutsche Institut für Jugendhilfe und Familienrecht e. V. (DIJuF) aktualisiert täglich Hinweise für die Kinder – und Jugendhilfe in den Zeiten der Corona-Pandemie. Diese findet ihr unter:

https://www.dijuf.de/Coronavirus-FAQ.html#shzeFAQ1

Liebe Kolleginnen und Kollegen, achtet auf euch, eure Lieben und eure Adressat*innen!

Und dies kann der Personalrat/Betriebsrat/die MAV für euch tun:

  • Die eigene Arbeitsorganisation klären, um beschlussfähig und handlungsfähig zu bleiben.

  • Dienst- und Betriebsvereinbarungen abschließen zum Einsatz und zur möglichen Freistellung von Beschäftigten.

  • Überprüfen, dass alle geltenden Vorschriften zum Arbeitseinsatz von Beschäftigten eingehalten werden.

Aktuelle Informationen halten wir bereit auf:

https://www.verdi.de

https://www.mehr-braucht-mehr.verdi.de

https://gesundheit-soziales.verdi.de/coronavirus

(C) 2015 ver.di Bezirk Stuttgartzuletzt aktualisiert: 11.06.2020