Die Rahmenbedingungen für eine gute Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsqualität baden- württembergischer KiTas müssen verbessert werden!

Das befristete Flexibilisierungspaket U3, die Regelungen zur praxisintegrierten Ausbildung zum/r Erzieher/in und der erweiterte Fachkräftekatalog im KiTa-Gesetz des Landes gefährden jedoch eine hohe Qualität der pädagogischen Arbeit und strapazieren die Belastbarkeitsgrenzen der pädagogischen Fachkräfte enorm.

Diese jüngst verabschiedeten Regelungen, welche die Erfüllung des Rechtsanspruchs auf einen KiTa-Platz und den aktuellen Fachkräftemangel in den Griff bekommen sollen, sind in dieser Form nicht hinnehmbar.

Beispielhaft seien genannt:

1. Platzsharing

Es bedeutet, dass sich 2 Kinder täglich oder wöchentlich einen KiTa-Platz teilen. Damit erhöht sich die Kinderzahl, obwohl die Gruppengröße formal nicht überschritten wird. Dies führt dazu, dass die vorhandenen Fachkräfte für mehr Kinder bei unveränderten Arbeitsbedingungen (z. B. gleichbleibender Vor –und Nachbereitungszeit) individuelle Bildungspläne und Portfolios erstellen, eine höhere Anzahl an Elterngesprächen führen, sich auf immer wieder unterschiedliche Kindergruppen einstellen und entsprechende Fördermaßnahmen einleiten und begleiten müssen. Diese höhere Arbeitsbelastung und der größere Aufwand bei gleichzeitiger Anwendung des Mindestpersonalschlüssels gehen zu Lasten der Qualität der pädagogischen Arbeit, obwohl Landesregierung und Trägerverbände betonen, dass die Qualität in den KiTas wichtig sei und gesichert werden soll. Der ohnehin knapp bemessene Mindestpersonalschlüssel wird dadurch indirekt weiter abgesenkt!

2. Erweiterung der Gruppengröße durch Aufnahme weiterer Kinder über die Höchstgruppenstärke hinaus

Die durch das Flexibilisierungspaket mögliche Erweiterung der Gruppengröße widerspricht grundlegend den Erwartungen an hohe Qualität von Bildung, Betreuung und Erziehung. Die Anforderungen und Ansprüche an die pädagogische Arbeit im frühkindlichen Bereich sind in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen, während die strukturellen Rahmenbedingungen diesen Entwicklungen seit 40 Jahren kaum Rechnung getragen haben. Die Landesregierung will offensichtlich den Rechtsanspruch im U3-Bereich in den kommenden Jahren auf Kosten der pädagogischen Qualität realisieren. Dadurch riskiert sie jedoch, dass sich der akute Fachkräftemangel weiter ausweitet und das Wohl der Kinder in Frage gestellt wird!

3. Anrechnung der Fachkräfte in Ausbildung (PIA) auf den Personalmindestschlüssel

Die Entscheidung, eine praxisintegrierte Ausbildung (PIA) zu ermöglichen, ist grundsätzlich gut. Dass die Fachkräfte in Ausbildung jedoch mit bis zu 0,4 Stellen auf den Personalmindestschlüssel angerechnet werden können, belastet die Personalsituation in den Einrichtungen zusätzlich. Die vorhandenen pädagogischen Fachkräfte müssen die pädagogischen Fachkräfte in Ausbildung beobachten und anleiten, ihre Stärken und Schwächen mit ihnen reflektieren und Ratschläge für die pädagogische Praxis geben. Die Fachkräfte in Ausbildung wiederum müssen die Möglichkeit haben, den später auszuübenden Beruf erst einmal zu erlernen und das angeeignete Fachwissen in der Praxis zu vertiefen, im Team ihre Arbeit zu reflektieren und zu diskutieren. Dies kostet Zeit. Durch die Anrechnung von Auszubildenden wird der jetzt bereits niedrige Gesamtpersonalschlüssel faktisch weiter abgesenkt. Gleichzeitig werden die notwendigen aufgewendeten Anleitungszeiten der betreuenden Fachkraft im Stellenschlüssel gar nicht erst berücksichtigt!

4. Erweiterung des Fachkräftekatalogs

In der Praxis arbeiten bereits jetzt schon verschiedene Fachkräfte in einer Einrichtung zusammen. Dies auszubauen bedarf jedoch einer eindeutigen Qualitätsprüfung, damit die Qualitätsbestrebungen der letzten Jahre und die vorhandenen Stellenbeschreibungen nicht systematisch unterwandert werden können.

Eine Erweiterung des Fachkräftekataloges in Richtung fachfremder Berufsgruppen aus rein arbeitsmarktstrategischen Überlegungen, so wie es jetzt geschehen ist, ist hier keineswegs zielführend, entbehrt jeglicher Qualitätsbestrebung und birgt die Gefahr einer Entprofessionalisierung des Berufsfeldes. Die in einer mehrjährigen Ausbildung erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten können nicht in 25 Tagen Fortbildung kompensiert werden! So wird man künftig kein fachlich und pädagogisch gut ausgebildetes Personal erhalten, das in der Lage ist, Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern auf hohem Niveau zu gewährleisten!

Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte erwarten Qualität im pädagogischen Alltag!

Dafür müssen gute Rahmenbedingungen gegeben sein!

Das Wohl der Kinder muss jetzt und zukünftig gesichert sein und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleistet werden. Dem Fachkräftemangel ist nachhaltig entgegen zu wirken und die pädagogischen Berufe sind aufzuwerten, um den Familien im Land dauerhaft qualitativ hochwertige Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsangebote zur Verfügung zu stellen. Dafür müssen Landesregierung, Trägerverbände und Arbeitgeber in die Qualität und in die strukturellen Rahmenbedingungen der KiTas sowie in eine deutlich bessere Bezahlung der Fachkräfte investieren!

Wir erwarten, dass die Landesregierung ihr Versprechen aus dem Koalitionsvertrag einhält und durch eine verstärkte finanzielle Mittelzuweisung dafür sorgt, dass die verbindliche Einführung des Orientierungsplans endlich umgesetzt wird! Das Flexibilisierungspaket, der Fachkräftekatalog sowie die Regelungen zur praxisintegrierten Ausbildung müssen in ihrer jetzigen Form dringend überarbeitet werden! Die so notwendigen und seit langem geforderten Leitungs-, Vor- und Nachbereitungszeiten müssen verbindlich zur Verfügung gestellt und standardisierte Stellenbeschreibungen bei den Trägern verankert werden! Das Wohl der Kleinsten in unserem Land muss im Vordergrund stehen! Denn: „Auf den Anfang kommt es an“!

Stuttgart, 20. September 2013

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