Bedarfsgerechte Betreuung für unsere Kinder im Kontext der aktuellen Tarifverhandlungen

Positionspapier des Gesamtelternbeirat der städtischen Kindertageseinrichtungen und Horte Stuttgart

Stuttgart, 18.06.2015

Bedarfsgerechte Betreuung für unsere Kinder im Kontext der aktuellen Tarifverhandlungen Die Aufwertung der Tätigkeit der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst ist ein wesentlicher Bestandteil, um eine bedarfsgerechte Betreuung zu sichern.

Das Aufgabenfeld hat sich weiterentwickelt, die Anforderungen sind gestiegen und das Berufsbild hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. Parallel dazu hat sich das Verständnis von Familienleben und Berufstätigkeit gewandelt und damit auch der Bedarf und die Ansprüche an eine gesicherte Kinderbetreuung. Kinderbetreuung hat sich zu einem Bildungskonzept (z. B. das Einsteinkonzept in Stuttgart) entwickelt, welches unsere Kinder auf das gesellschaftliche Leben vorbereitet und wesentlich prägt, die frühkindliche Bildung noch vor der schulischen Ausbildung.

Die Priorisierung der Kinderbetreuung und vor allem deren Anerkennung als wesentlicher Bestandteil in unserer Gesellschaft, deren Zukunft unsere Kinder sind, sind uns sehr wichtig. Dennoch muss Kinderbetreuung für Eltern erschwinglich bleiben. Deshalb können wir den Arbeitskampf unserer Erzieher/- innen für eine bessere Bezahlung im Wesentlichen nachvollziehen. Mehr Gehalt allein ist allerdings kein Garant für eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung und trägt auch nicht allein zur Zufriedenheit der Beschäftigten bei.

Ordentliche Rahmenbedingungen z. B. eine klar abgrenzbare Tätigkeitsbeschreibung der einzelnen Berufsbilder, wertschätzende Arbeitsbedingungen und ausreichend Personaldeckung (Betreuungsschlüssel), entsprechende Entwicklungsmöglichkeiten, sowie eine gesunde und hochwertige Ausstattung gehören ebenfalls dazu.

- Gerechte und angemessene Bezahlung bezogen auf eine klar abgegrenzte Tätigkeitsbeschreibung

Die Arbeit von Kinderpfleger/-innen, Erzieher/-innen, Heilerziehungspfleger/-innen, Sozialarbeiter/-innen, Sozialpädagogen/-pädagoginnen und Kindheitspädagogen/-pädagoginnen ist eine wichtige, verantwortungsvolle gesellschaftlichen Aufgabe. Die Bezahlung sollte deshalb den gestiegenen Anforderungen Rechnung tragen.

Ob dabei die von ver.di geforderte Angleichung an die Gehälter von Grundschullehrern und -lehrerinnen allein mit einer Akademisierung (Kindheitspädagogen und -pädagoginnen) einhergehen muss, ist dabei aber in Frage zu stellen. Eine Akademisierung führt nicht zwangsläufig zu einer Aufwertung des Berufsbildes und einer Qualitätssteigerung. Ein höherer Bildungsgrad ist keine Garantie dafür, dass jemand mit Herz und Empathie mit Kindern umgehen kann. Uns ist wichtig, dass es unseren Kindern gut geht! Da das Interesse an diesem Ausbildungsberuf gerade bei Werkreal-/Hauptschüler/-innen sehr hoch ist, kann damit auch in Zeiten des Fachkräftemangels die Personalausstattung in den Einrichtungen gesichert werden.

Wir fordern daher, dass die Tätigkeitsprofile der unterschiedlichen Qualifikationen im Berufsalltag auch tatsächlich eingehalten werden und die Arbeitgeber nicht aus Spargründen Kinderpfleger/-innen dieselben Tätigkeiten ausüben lassen wie höher eingruppierte Ausbildungen. Oder andersherum – eine leistungsabhängige Bezahlung. Es muss möglich sein, dass bei gleicher Aufgabenstellung ein/-e Kinderpfleger/-in und ein/-e Erzieher/-in auch die gleiche Bezahlung erhalten, unabhängig vom Bildungsgrad.

Keine „Bestrafung“ für Stellenwechsler/-innen durch eine Herabstufung. Unserer Meinung nach haben Stellenwechsler/-innen ein Anrecht auf eine vergleichbare Einstufung wie im vorangegangenen Beschäftigungsverhältnis, d.h., dass die Beschäftigungsjahre voll angerechnet werden sollten. Wir unterstützen den Ansatz von ver.di, dass Einrichtungsleitungen kleinerer Einrichtungen gleichgestellt werden mit Einrichtungsleitungen in großen Einrichtungen. Die Bezahlung der Leitungen sollte an der Qualität des Konzeptes und in keinem Fall nur an der Anzahl der betreuten Kinder bemessen werden. Wartungs- und Instandhaltungsmaßnahmen gehören dabei unserer Meinung nicht zu den Aufgaben einer Einrichtungsleitung. Für die Wartung und Instandhaltung der Immobilie (wacklige, undichte Armaturen, schlechte Beleuchtung, kaputte Möblierung usw.) sollten eine ausreichende Anzahl von Hausmeistern/- innen eingesetzt werden. So wäre eine Einrichtungsleitung entlastet und könnte sich mit mehr Zeit für Mitarbeiter und die Belange der Kinder einsetzen.

- Angemessene Betreuung und damit Arbeitsbedingungen bundesweit mit verbessertem Betreuungsschlüssel

Wir fordern einen einheitlichen Betreuungsschlüssel in allen Bundesländern. Die Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit empfiehlt z. B. einen Betreuungsschlüssel zwischen 1 : 2 bis 1 : 3, bei 6 bis 8 Kindern zwischen 0 – 3 Jahren in einer Gruppe. Davon sind einige Bundesländer weit entfernt (bis zu extremen 1 : 9,3 in NRW, lt. Betreuungsatlas von 2013).

Da die Kinderbetreuung zur Sache der Kommunen gemacht wird, schwanken die Ausgaben stark. Eine durchgängige Priorisierung und flächendeckende einheitliche Unterstützung der Länder/des Bundes sind in unseren Augen unabdingbar.

Bis heute konnte der gesetzliche Anspruch auf einen Betreuungsplatz für jedes Kind von 0 – 3 bundesweit flächendeckend nicht sichergestellt werden.

Sorgen Sie dafür, dass ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden, um einen einheitlichen Betreuungsschlüssel umzusetzen ohne regionale Unterschiede.

- Ausreichend Personalausstattung

Aus unserer Sicht sollten Einstellungsverfahren ohne große Wartezeiten und Fristen ablaufen. Die Aussicht auf ein unbefristetes Arbeitsverhältnis bei Einstellung würde besonders in diesem Bereich, der von befristeten Verträgen, Teilzeitbeschäftigten und einer hohen Fluktuation durch Schwangerschaften und Krankheiten geprägt ist, erheblich zur Mitarbeiterzufriedenheit beitragen.

Eine knappe Kalkulation zur Verringerung der Ausgaben führt im Gegenzug dazu, dass Teilschließungen oder Betreuung mit Notbesetzung, besonders im Herbst und Winter, an der Tagesordnung sind. Unzufriedene und abgeschaffte Mitarbeiter/-innen sind die Folge.

Nicht der Träger sondern die Fachkraft selbst sollte entscheiden dürfen, wo sie eingesetzt wird (dafür ist Voraussetzung, dass das Gehalt nicht von der Größe der Einrichtung abhängig ist).

Sorgen Sie durch eine veränderte Einstellungspolitik dafür, dass die Einrichtungen eine bessere Mitarbeiterauslastung haben und damit einen Puffer, der Zeiten chronischer Unterbesetzung verhindern könnte. Eine zeitweise mögliche Überbesetzung für kurze Zeit wäre auch zum Wohle unserer Kinder! Dadurch wird auch ein Höchstmaß an bedarfsgerechter Betreuung erreicht, die Attraktivität des Berufsbildes erheblich gesteigert und dürfte dazu beitragen, dass sich wieder mehr Fachkräfte bewerben.

- Attraktive Entwicklungsmöglichkeiten

Ausreichend Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, um die Ausbildung z. B. eines/-r Kinderpflegers/- pflegerin aufzuwerten und ihr die Möglichkeit zu geben, sich auch für andere Aufgaben zu qualifizieren, tragen ebenfalls wesentlich dazu bei, die Attraktivität des Berufsbildes zu steigern. Damit könnte flexibler auf die Entwicklungen in der Kinderbetreuung reagiert werden.

Schenken Sie den SuE-Beschäftigten und Berufssuchenden Motivation, damit sie ihre Arbeit im Bereich SuE gerne machen und machen wollen! Andernfalls erreichen Sie nur, dass in Zukunft noch weniger den Beruf erlernen wollen und noch mehr ausgebildete Kräfte sich ein anderes Betätigungsfeld suchen.

- Ansprechende Qualität der räumlichen Ausstattung

Zwar wird bundesweit der Ausbau der Kindertageseinrichtungen vorangetrieben, leider geraten dabei aber bestehende KiTas ins Hintertreffen. Dringend erforderliche und notwendige bauliche Veränderungen und Sanierungen werden nicht konsequent durchgeführt.

Wir erwarten für unsere Kinder, dass ausreichend Finanzmittel und Verwaltungskräfte zur Verfügung gestellt werden, um ein Sanierungskonzept (ähnlich des Schulsanierungsprogramms in Stuttgart) zu entwickeln und Baumaßnahmen zeitnah umzusetzen. Damit verhindern Sie, dass bestehende Einrichtungen vergammeln.

Aufruf an Sie im Namen unserer Kinder und für die Erzieher/innen:

Denken Sie über Ihre Vorgehensweise und Ihre Positionen in dieser Tarifauseinandersetzung nach: Schwierig wird es für uns Eltern, wenn wir in diesem Arbeitskampf von beiden Seiten instrumentalisiert werden. Die Parolen beider Seiten machen uns Eltern sehr nachdenklich.

Wir Eltern wollen, wie auch die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst, eine Einigung der beiden Seiten zum Wohle unserer Kinder!

Ein lang andauernder Streik ist vor allem Gift für die Erziehungspartnerschaft.

Wollen Sie verantworten, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern, Kindern und Erzieher/-innen und das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Betreuung dauerhaft gestört wird?

Wollen Sie verantworten, dass der partnerschaftliche Umgang und das Vertrauensverhältnis in der Beziehung zwischen Erzieher/-in und Kind zerbrechen?

Wollen Sie verantworten, dass Kinder komplett neu eingewöhnt werden müssen und die Wartelisten für Betreuungsplätze noch länger werden?

Wenn im Rahmen des aktuellen Tarifstreits jetzt kein gutes, annehmbares Ergebnis erzielt wird, wird das ganze Betreuungssystem nachhaltig gefährdet.

Solidarität mit den Erzieher/-innen im Streik ist uns wichtig, weil wir uns eine qualitativ hochwertige Betreuung für unsere Kinder wünschen. Unser Eindruck: diese Solidarität wird von den Arbeitgebern gezielt untergraben. Es hat den Anschein, dass die Arbeitgeber ver.di „aushungern“, sich „tot streiken“ lassen wollen. Es wird billigend in Kauf genommen, dass sich dabei die Wut der Eltern direkt gegen die Erzieher/- innen richtet. Das wollen wir unter allen Umständen vermeiden!

Der Tenor der Eltern ist nicht gegen die Erzieher/-innen gerichtet, aber gegen einen langen Streik. Wir wissen, dass sich das möglicherweise widerspricht. Aber auch wir Eltern haben unsere Grenzen. Die Solidarität bleibt erhalten, solange Existenzen nicht gefährdet sind. Durch den bereits vier Wochen andauernden Streik, müssen Eltern bereits unbezahlten Urlaub nehmen, im schlimmsten Fall haben Eltern bereits ihren Arbeitsplatz aufgrund des andauernden Streiks verloren.

Fazit:

Es muss etwas Grundlegendes passieren, zum Wohle der Kinder und der Gesellschaft.

  • Es müssen einheitlich gute Bedingungen für die Kinder geschaffen werden

  • Der Erzieher/-innenberuf muss sich lohnen, dann haben wir auch keinen Mangel an Fachkräften

  • Sparzwang und Vorrang für andere Aspekte führen dazu, dass Sie unsere Gesellschaft langfristig ins Aus befördern werden.

Ein unbefristeter Streik gefährdet das Wohl unserer Kinder! Verhindern Sie diese Auswirkungen, auch zum Wohle unserer Gesellschaft!

Der Gesamtelternbeirat
der Kindertagesstätten und Horte in Stuttgart

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